Stellungnahme der Anatomischen Gesellschaft zu "Körperwelten"

 

Die öffentliche Diskussion um die Ausstellung "Körperwelten" des Dr. G. von Hagens veranlasst den Vorstand der Anatomischen Gesellschaft zu folgender Stellungnahme:

Die Anatomischen Institute der Medizinischen Fakultäten haben die Aufgabe, die Struktur des menschlichen Körpers und seine vorgeburtliche Entwicklung zu untersuchen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse an Studierende, Ärzte und ein interessiertes Publikum zu vermitteln. Kenntnisse der Anatomie sind notwendig, um Bauplan, Funktionen und Krankheiten des menschlichen Körpers zu verstehen.

Die Anatomie ist daher das Fundament der Medizin; sie ist die zentrale Grundlage der ärztlichen Tätigkeit und des Verständnisses über die Biologie der menschlichen Natur. Anatomische Untersuchungen werden nach strengen naturwissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und betrachten heute nicht nur die makroskopische Dimension, sondern analysieren mit modernen Forschungsmethoden einzelne Zellen und Moleküle, die normalen oder gestörten Körperfunktionen zu Grunde liegen.

Sektionen von Leichnamen und Präparierkurse sind unabdingbar für die Vermittlung und den Erwerb anatomischer Kenntnisse; aber sie sind nur ein Bestandteil der modernen Anatomie, die ein "vertikales" Konzept verfolgt und Analysen auf verschiedenen Ebenen integriert, von der makroskopischen Anatomie (die Untersuchungen an Lebenden einschließt) bis zur Zell- und Molekularbiologie.

Die Vermittlung der komplexen Erkenntnisse aus Anatomie und Zellbiologie an Studierende, Ärzte und ein interessiertes Publikum erfordert didaktische Prinzipien. Diese müssen dem eigentlichen Anliegen, d.h. der Vermittlung von anatomischen und zellbiologischen Sachverhalten dienen; sie dürfen sich nicht im Sinne einer sensationsheischenden Erlebnisanatomie verselbständigen, indem sie durch präparationstechnische Verfremdung der Körper Verstorbener eine auf Unterhaltung abzielende Botschaft vermitteln, die mit dem eigentlichen Anliegen der Anatomie nichts mehr zu tun hat.

Die Anatomie unterliegt als medizinische Disziplin strengen ethischen Anforderungen. Die anatomische Präparation von Leichnamen setzt die zu Lebzeiten gegebene Zustimmung der Körperspender voraus. Aus dieser Grundeinstellung heraus haben die Anatomischen Institute in Deutschland Spenderprogramme entwickelt, mit denen Menschen zu Lebzeiten ihren Leichnam den Instituten testamentarisch vermachen können. Den Körperspendern bleibt die Verfügungsgewalt über ihre sterblichen Überreste erhalten: sie können entscheiden, ob ihre Körper zur Gänze oder in Teilen zu Dauerpräparaten verwendet oder beigesetzt werden.

Die Ausstellung "Körperwelten" des Dr. G. von Hagens verstößt mit vielen Exponaten und Aktionen erheblich gegen die fachlichen, didaktischen und ethischen Prinzipien der Anatomischen Gesellschaft.

August 2004

Der Vorstand der Anatomischen Gesellschaft:

Prof. Dr. B. Christ, Freiburg,
Prof. Dr. D. Drenckhahn, Würzburg,
Prof. Dr. R. Funk, Dresden,
Prof. Dr. B. Tillmann, Kiel,
Prof . Dr. W. Kühnel, Lübeck

unter Mitwirkung von

Prof. Dr. H. W. Korf, Frankfurt/M.
und Prof. Dr. W. Neuhuber, Erlangen.

 

[Ke stažení]

[Zpìt]

[Domù]